Heute haben wir ein großes Spiel - wir... die Akteure in einer Partie Schach!
Wie? Nein, keine Partie Großschach mit lebenden Akteuren. Wir sind ein Satz Spielsteine,
wie Sie ihn wohl auch zu Hause haben.
Aber wir sind nicht nur aus totem Holz! - Bitte? Das glauben Sie nicht?!
Doch, doch. Wir gehören der ISSU an, der Internationalen Spielstein-Union. Neue
Mitglieder fangen bei uns ganz klein als Bauern an, und bei entsprechender Bewährung kann
man bis zum König aufsteigen.
Das ist natürlich das Traumziel eines jeden von uns. Aber Grundvoraussetzung ist: man darf
sich nicht schlagen lassen in der Partie, ansonsten geht's von vorne los.
Als Bauer muß man z.B. zehn Partien in Folge unbeschadet überstehen; und für
mich ist heute diese zehnte Partie. Wenn ich in der kommenden Partie ungeschlagen bleibe, werde
ich im nächsten Spiel als Läufer aufmarschieren dürfen!
Mittlerweile bin ich der dienstälteste Bauer hier und für unsere Aufstellung
verantwortlich. Ich gehe kein Risiko mehr ein, habe mich auf f2 postiert, und meine beiden besten
Männer auf g2 und h2... Am liebsten wäre mir heute ein schnelles Remis, nur keinen
Streß mehr...
Aaahh - es geht los... unser Spieler ist eingetroffen. Wer? Keine Ahnung, lasse mich selbst
überraschen. Ich verrenke mir schier den Hals, um etwas zu sehen. Bei diesem Turnier sollen
ja auch einige Koryphäen mitspielen...
Unversehens erhalte ich einen Knuff in den Rücken - der Läufer hinter mir gibt zu
verstehen, ich solle nicht herumhampeln, mich korrekt aufstellen. Blödmann - bald stehe ICH
auf deinem Platz! Für einen Moment erhasche ich noch einen Blick auf einen weißen
Vollbart, dann beginnt schon die Partie...
Wir eröffnen mit d4. Schwarz erwidert mit d5, drückt die Uhr. Na also, ruhiges
Fahrwasser. Und wieder erscheint eine große Hand über unseren Köpfen, zögert
kurz...
Was gibt's denn da nur zu überlegen? Ein Damengambit natürlich...
Haaalt! Was soll das?? Mein Nachbar zur Linken macht einen Doppelschritt. Das muß ein
Fingerfehler sein!! Und eh' ich mich's versehe, wird er auch schon von Schwarz geschlagen?!
Unvermittelt wird mir mulmig zumute, ach was, der Magen krampft sich zusammen. Was ist hier
nur los??
Inzwischen hüpft unser Springer nach c3. Ich ahne Böses, und mir wird schlecht...
Wir werden doch nicht etwa...
Den Gegenzug sehe ich schon nicht mehr, wohl aber einen großen Schatten über mir:
lange, hagere Finger stoßen auf mich nieder, zielbewußt, ergreifen mich ohne
Zögern...
Neiiiin!! Haaalt! Aber schon verliere ich den Boden unter den Füßen... ein Karussel
dreht sich in meinem Kopf: ruhige Kugel... Damengambit... e4?!... schnelles Remis... Sc3...
höheres Spiel-Level... ???...
Unsanft lande ich wieder auf meinen Füßen, ein Feld vorwärts bewegt, Angesicht
zu Angesicht mit... aaaaaahhrrg...
Aufgelöst, voller Angst drehe ich mich um und kann ihn nun sehen - unseren Spielführer:
sehr groß, hager, fast dürre, strähniges, wirres Haar, weißer Vollbart,
Schachabzeichen am Revers, Brillengläser dick wie Panzerglas und... leuchtende Augen - Eh
Jott Diemer!!
... als ich vom Gegner ergriffen werde, sehe ich für einen winzigen Moment ungläubige
Verwunderung in seinem Blick, so... als wollte er sagen: Was für ein Kraut-und-Rüben-Spiel?!
Und ich war so nahe dran...
Wieland Belka - nach einer Idee von Gerhard Wahlig
(Orthographie- und Grammatikfehler der Quelle korrigiert, inhaltlich, stilistisch
überarbeitet und neu erzählt - Anm. d. A.)
Ergänzung d. A.:
In der Tat erregte Diemer mit seiner Erscheinung Aufsehen: sehr groß, fast dürre, weißer
Vollbart, mit eigentümlich-faszinierender Ausstrahlung. Bei Turnieren in den siebziger und achtziger Jahren
bildete sich stets eine große Traube um sein Brett... ganz zweifellos war Diemer eine
markante Persönlichkeit.